Februarmärchen
Die Primel... wirklich die erste?
Vor langer, langer Zeit erwachte Mutter Natur eines schönen Morgens, rieb sich die Augen und staunte.
Es war noch viel zu früh für sie. Es
war Ende Februar. Der letzte Schnee begann gerade erst zu schmelzen
und nahm das Schneeglöckchen mit. Aber für das Märzenveilchen war
es noch zu früh. Wie für alle anderen Blümchen auch.
Da sie aber nun schon einmal wach war,
und es ein wunderschöner Tag zu werden versprach, stand sie auf.
Falls sie doch noch schläfrig wäre, könnte sie sich ja später
noch ein wenig niederlegen. Aber im Augenblick fühlte sie sich
stark. Sie wollte ein wenig hinaus gehen und die warme Sonne
genießen.
Sie schlang ein warmes Wolltuch um ihre
Schultern und trat hinaus.
Oh, wie gut diese frische Luft zu atmen
war! Und diese herrliche Sonne! Rüstig schritt sie aus und überlegte
schon, ob sie nicht doch schon ein paar Blumenkinder wecken sollte.
Aber dann sah sie über diese weiten Fluren, wie sie glänzend vor
Frische vor ihr lagen, und sie sah auch, dass da, wo die Sonne nicht
hin kam, noch Schnee lag und der Winter mit eisiger Hand sein
Regiment verteidigte.
Nein, sie wollte keines ihrer Kinder
dieser Willkür aussetzen. Gut, das Schneeglöckchen war ein kleiner
Rebell gewesen und hatte sich trotzdem hinaus gewagt. Aber es wollte
ja mit seinen drei Blütenblättchen, Glaube, Liebe, Hoffnung,
demonstrieren , dass mit diesen Drei alles möglich sei. Ein mutiges
kleines Dingelchen. Jedoch für die Anderen war es noch zu früh.
Grerade wie sie so zu diesem Entschluss
gekommen war, hatte sie eine Anhöhe erstiegen und befand sich vor
einer wehrhaften Burg. Unter sich sah sie das weite Land. Die Wälder,
Felder, Äcker und Wiesen und das silbrig glänzende Band des
Flusses. Alles schien zu warten, dass sie den Startschuss gab zu
neuem Leben. Aber nein, es ist zu früh , dachte sie.Bemerkte auch,
wie ein wenig Schläfrigkeit in ihre Glieder zurück kehrte. Sie
würde sich doch noch etwas hin legen und ruhen, damit sie danach so
richtig und in voller Kraft erwachen könne.
Da hörte sie ein seltsames
Geräusch.Erst klang es nach nach einem fürchterlichen
Hustenanfall und dann folgte ein krampfartiges, tiefes Ringen um
Luft, dann ein matter Wehlaut. Mutter Natur schwang sich auf die
Fensterwölbung hinauf und was sie sah, ließ sie erschrecken.
Da lag das Grafentöchterlein bleich
und matt danieder und schien einen vergeblichen Kampf um Leben und Tod zu führen. Sicher, diese wehrhaften Mauern konnten einem Feind von
draußen trutzen, aber gegen die Kälte und den Zug von innen konnten
sie wenig tun. So hatte sich das Mädchen erkältet. Der ständige Husten hatte es an den Rand der Erschöpfung gebracht. Die Atemwege
schienen verstopft, das Herz inzwischen geschädigt zu sein und der
Kopf schien zerspringen zu wollen. Nein, diese Kleine befand sich in
keinem guten Zustand.
Sie hörte auch den jungen Mann, der an
ihrem Lager saß und das Mädchen umschlungen hielt, verzweifelt
sagen:
„Wir dürfen die Hoffnung nicht
aufgeben. Ich liebe dich doch so sehr und ich glaube ganz fest, dass
du wieder gesund wirst. Es muss doch irgend ein Kraut geben, was dir
helfen kann. Wenn ich nur wüsste, wo ich suchen müsste!“ und im
selben Augenblick ließ er den Kopf mutlos auf die Brust des
Mägdleins sinken:
„Aber es ist ja noch Winter. Nichts
blüht. Nicht mal ein einziges Blümlein!“
Dann hielt es ihn nicht mehr und er
sprang auf und lief ins Freie. Da lief er nun auf und ab, zürnte dem
Himmel und betete doch gleichzeitig zu ihm. Hoffte auf ein Wunder und
glaubte in seiner Verzweiflung daran.
„Oho“, dachte da die große Mutter
aller Natur, „der liebt sein Mädchen so herzinnig. Dem muß doch
zu helfen sein. Ein Plänzchen, das all diesen Kummer heilen könnte?“
Im Augenblick und auf die Schnelle
fiehl ihr nichts ein. Aber schon lief ihr Erfindungsgeist auf Und Hochtouren. In Gedanken hatte sie das Blümchen bereits fix
und fertig. Nun müsste sie nicht sie selbst gewesen sein, wenn sie
nicht auch manchmal auf Tricks und kleine Wunder zurückgreifen
würde. Und mit abbittendem Blick nach oben, schwupp, ließ sie fast
vor den Füßen des Jungen ein Blümchen wachsen. Das Erste in diesem
Jahr. Und so nannte sie es auch: Primula.
Der Bursche, den Blick immer traurig
zur Erde geneigt, stand plötzlich vor der Blume. Er zwinkerte erst
einmal und dann war es, als erwache er aus einem bösen Traum. Dann
schaute er um sich und gewahrte , da und da und da, überall im
sonnigen Gras wuchsen plötzlich diese Blumen. Lachend und weinend
kniete er nieder und pflückte sie. Er wußte nicht wie und was
diese Pflanze wirken sollte, aber sie war die Einzige weit und breit
und die einzige Möglichkeit überhaupt etwas zu tun. Seine einzige
Hoffnung.
Er brachte das Sträußchen zu seiner
Liebsten. Diese schlug die Augen auf und er sah den Hoffnungsschimmer
auch in ihnen und Freude schien ihr Gesicht mit leichter Röte zu
beleben. Im besten Glauben und all seinem Mut kochte er dann einen
Tee.Es ging langsam, aber das Mägdlein erholte sich und übers Jahr
wurde sie seine Frau.
So also wurde Primelchen die erste
Blume.
Dachte Mutter Natur.
Aber im fernen Griechenland gab es zu
dieser Zeit eine Göttin Flora. An ihrem Hof lebte eine Nymphe,
namens Anemona. In diese verliebte sich Zephyr, Floras Mann. Die
Göttin Flora war jedoch, wie jede andere Frau an ihrer Stelle, sehr
eifersüchtig, ließ alles Göttliche vermissen und verwandelte die
Nymphe in eine Blume.
Seither versucht die Anemone der Primel
den Rang abzulaufen und ist die Erste .
Wie es sich aber damit tatsächlich
verhält, können wir jedes Jahr selber heraus finden.
In Deutschland sagen wir auch zur
Anemone Windröschen, was auf das griechische „anemos“= Wind
zurück zu führen ist.

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