Tröpfchen in Not
Heute war es drückend heiß. Die Sonne stach mit spitzen Fingern auf die Erde und die Natur schien müde und kraftlos. Die Menschen stöhnten unter der Hitze und suchten den Schatten unter Bäumen, die doch viel zu gerne auch etwas kühler gehabt hätten.
Heute war es drückend heiß. Die Sonne stach mit spitzen Fingern auf die Erde und die Natur schien müde und kraftlos. Die Menschen stöhnten unter der Hitze und suchten den Schatten unter Bäumen, die doch viel zu gerne auch etwas kühler gehabt hätten.
Nun, die hatten aber wenigstens ihre
Wurzeln, die weit genug in das Erdreich hinein reichten ,um dort
Feuchtigkeit und Kühle zu tanken.
Anders sah es mit den Blumen aus.
Manche streckten noch unverdrossen ihre Blätterärmchen zum Himmel aus,
als wie um Regen bittend, aber andere nickten schon recht traurig mit
den Köpfchen.
Ich dachte an Tröpfchen und dass es
doch heut ganz schön zu tun hatte, um sein Pensum an zugeordneten
Blumen zu bewältigen und alle zu tränken. Auch machte ich mir
Gedanken wegen des Zauberröckchens. Würde es denn aus dieser
trockenen heißen Luft genügend Feuchtigkeit saugen können? Nun, es
war ja ein Zauberröckchen und darüber brauchte ich mir wohl keine
Gedanken zu machen. Zauberei gehört nun mal ins Reich der Märchen, da ist alles möglich
Wir Menschen können zwar viel, und
manchmal grenzt bei uns manches an Wunder, aber so einfach mal hokus
pokus und dann is gut, nee, das haben wir noch nicht heraus. Als
Jules Verne seine Bücher schrieb, dachte niemand, wie nahe wir
seinen Ideen mal kommen könnten und bei Peterchen´s Mondfahrt
hielt man das auch noch für ein Märchen und Zauberei. Heute wissen
wir zwar, auf den Mond zu kommen, aber das hat mit Zauberei wiederum
nichts zu tun. Das ist High tech.
Je nun, wie auch immer, Tröpfchen ist
ja ein Elf aus diesem Jahrhundert und sein Röckchen unserem Standard
angepasst. Und so hat es nun diese Membranen und so kann es das
Wasser eben halten. Wie es aber sooo viel Wasser immer wieder aus der
Luft filtern kann und in welcher Schnelligkeit das passiert, so dass
es immer einsatzbereit ist, ja, Leute, d a s ist eben Zauberei.
---------
Ja, es war also ein richtig heißer
Sommertag. Tröpfchen hatte alle Rockzipfel voll zu tun. Da bildeten
sich am Horizont die ersten Wölkchen, wuchsen im Näherkommen zu
stattlichen Wolkengebilden und überzogen allmälich den halben
Himmel. Nein, nicht den ganzen, da würde mein lieber Schwager den
Wahrheitsgehalt anzweifeln und mich korrigieren. Ein heftiger Wind
kam auf und noch bevor man Blitze entdecken konnte, kündete schon
ein heftiges Grummeln von ihnen. Ein Sommergewitter.
Tröpfchen war so eifrig bei der Arbeit
und als es endlich bemerkte, was um es selbst herum vorging, da war
es schon zu spät. Es versuchte noch, unter einem großen
Kastanienblatt Schutz zu suchen, aber bevor es den Baum erreichte,
da brach das Wetter los. Riesige Tropfen fielen auf die Erde und
ergaben, wo sie auf den heißen Staub der Wege trafen, diesen
köstlichen Geruch eines heftigen Sommerregens.
Nun sollen wir Menschen ja jeden Baum
als Unterstand bei Gewitter meiden. Und das ist unbedingt wichtig und
zu befolgen. Bei Elfen und Naturgeistern ist auch das anders. Auch
Zauberei? Wer weiß? Jedenfalls dachte unser Elflein gerade noch,
gleich in Sicherheit zu sein, da erwischte es ein Tropfen in voller
Stärke. Es war einer der Sorte, den, wenn Menschen ihn als Beweiß
beschreiben, wie heftig ein Regenguss war, im Durchmesser eines
kleinen Hühnerei´s anzeigen, obwohl ein Taubenei auch gereicht
hätte. Der schrie zwar noch „Achtung, weg, ich komme !“ und
vollführte ein Funkenspektakel in allen Regenbogenfarben, um auf
sich aufmerksam zu machen, wobei ihm ein letzter versprengter
Sonnenstrahl half. Doch umsonst, er traf unser Tröpfchen volle
Breitseite und nahm es mit nach unten.
Aber ach , da war ein altes
Schlammloch, ein ausgetrockneter Gartenteich. Und justement dahinein
landete Tröpfchen und Tropfen. Der Regentropfen entschuldigte sich
zwar noch, stammelte auch wohl so etwas wie "von gleicher Fraktion" , vereinte sich mit
seinen Brüdern und zerfloß.
Da saß Tröpfchen nun. Zum Glück war
es auf dem Wassertropfen nicht all zu hart gelandet. Es war ihm
selbst nichts geschehen. Aber beim Versuch, aus diesem Matsch und
dieser neuerlichen Pampe heraus zu kommen, rutschte es immer wieder
aus. Nicht nur seine Flügelchen, sondern auch sein Röckchen wurden
dabei fürchterlich in Mitleidenschaft gezogen. Kurz, total verdreckt
und verschlammt. Je mehr es aber versuchte , sich zu befreien,
desto mehr sank es ein. Kraftlos lag es dann in dem Schlamm. Das
teure Röckchen war dahin und eben so unbrauchbar, wie seine
Flügelchen geworden. Fliegen konnte es nicht mehr, selbst wenn es
aus diesem vermaledeiten Loch heraus finden würde.Verzweifelt begann
es zu schluchzen.
Das hörte eine Amsel. Und als sie
festgestellte, dass es gerade zu regnen aufgehört hatte, stieß sie
hinunter zu Tröpfchen. Sie sah sofort, was zu tun war. Sie nahm
Tröpfchen vorsichtig um die Taille und zog und zog. Aber das Elflein
steckte zu tief mit den Beinchen fest und so mühte und plagte die
Amsel sich doch sehr. Sie stemmte sich mit den Beinen gegen und zog,
sie hüpfte sogar dabei etwas hoch. Sie versuchte die ganze Technik,
die sie anwandte, um einen dicken Wurm aus dem Erdreich zu Tage zu befördern.
---------
---------
Ich stand am Fenster. Der Schauer war
vorbei. Nun wollte ich sehen, wie es den Blumen ergangen sei.
Ach, die Amsel ist auch schon da. Klar in dem aufgeweichten Boden kann sie nun leichte Beute machen. Aber was hat sie denn da? Die arbeitet aber kräftig! Und w a s hat sie da, eine Libelle? Wie kommt die an eine Libelle? Das muß ich mir ansehen.
Ach, die Amsel ist auch schon da. Klar in dem aufgeweichten Boden kann sie nun leichte Beute machen. Aber was hat sie denn da? Die arbeitet aber kräftig! Und w a s hat sie da, eine Libelle? Wie kommt die an eine Libelle? Das muß ich mir ansehen.
Barfuß eile ich hinaus. Die Amsel läßt mich nah herankommen, bevor sie hinauf aufs Garagendach fliegt. Ich schaue nach der Libelle. Libelle? Das ist ja Tröpfchen! Und in welchem Zustand!
„Tröpfchen, so sehen wir uns wieder!
Armes Kleines, komm wein nicht mehr, alles wird gut!“
Damit lege ich ganz vorsichtig diese
kleinen Beinchen frei und lächle insgeheim über das Wortspiel
„Elfenbein-chen“ Aber oh, wie sieht der kleine Elf bloß aus!
„Hör mal, Tröpfchen, ich nehme dich
jetzt erst mal mit hinein. Habe keine Angst. Aber wir müssen den
Dreck auf dir entfernen, verstehst du das? Ich werde dich baden
müssen.“
Drinnen nehme ich eine Müslischale,
fülle warmes Wasser ein und setze das kleine Wesen ganz behutsam
samt Kleidchen hinein. Dann breche ich ein winziges Stückchen aus
einem Seifenrest und reiche es der Kleinen.
„Damit kannst du dich waschen und
auch dein Röckchen etwas damit bearbeiten. Ich befürchte, ich mit
meinen großen Händen mach da eher etwas kaputt. Aber der Schmutz
muss da vollkommen raus. Ich schau derweil nach einem Handtuch.“
Als ich wieder komme kullern dicke
Tränen über Tröpfchens Gesicht und es schaut mich mit roten Augen
an. Als ich aber frage weshalb es wieder weinen müsse, lacht es mich
mit glockenhellem Stimmchen aus.
„Dieses Ding da, diese Seife, die
kitzelt ganz schön in den Augen.“
Kitzelt, haha!!! Das sehen wir Menschenkinder aber ganz anders! Doch mein Tröpfchen strahlt nun wieder
und nicht nur vor Sauberkeit. Und so packe ich es vorsichtig in ein
Gästehandtuch, wo es unter Lachen und Gekicher ein wildes Gestrampel
beginnt und in den weichen Falten ein Versteckspiel beginnt. Ich befürchte aber,dass die Flügel erneut zu Schaden kommen
könnten und in der hohlen Hand bringe ich es hinaus und setze es
zum Trocknen in den nun auch wieder strahlenden Sonnenschein.
Als ich später noch einmal hinaus
gehe, um nach ihm zu sehen, liegt da ein Rosenblatt mit winzig kleiner Schrift:
„Gutschein für ein Blumenmärchen.
Würde dir die Akelei gefallen?“




