Mai-Märchen
oder
Wie Tröpfchen auf die Erde kam
Es war Mai, endlich Mai.
Die Natur schien über
Nacht alle Bäume, Blumen und Sträucher auf einmal mit Blüten
übergossen zu haben. Der Garten prangte in allen Farben, die Vögel
jubilierten und trugen zu Neste und die Sonne tat , was sie konnte,
das Defizit der vergangenen Tage, auszugleichen.
Nach einem neugierigen
Begrüßungsgang dessen, was schon alles blühte, durch den Garten,
beschloss ich, mich hinaus zu setzen und ein wenig zu malen. Und das
machte ich auch.
Das war wundervoll. Ein
laues Lüftchen strich über all die Blumenpracht hin und brachte
immer wieder einen neuen Duft mit. Die Sonne strahlte von einem
blitzblauen Himmel und verbreitete ihre Wärme. Und mitten in all
dieser Herrlichkeit saß ich nun also mit dem Zeichenblock auf den
Knien.
Allerdings hatte ich die
halbe Nacht hindurch geschrieben und merkte, wie ich nun etwas
schläfrig wurde. Merkte auch, wie mir immer wieder einmal die Augen
zu fielen und ich kurz einnickte. In einem dieser Augenblicke wurde
Tröpfchen geboren:
Gerade war es soweit, die
Augen gingen zu, mein Kopf nickte nach unten. Doch was war denn das?
Was krabbelte denn da durch mein Zeichenpapier? Erst gab es ein
Ritsch und dann ein Ratsch, ein Riss entstand und ein winzig kleines
, niedliches Dingelchen kämpfte sich durch den Spalt. Dann war es an
der Oberfläche, rappelte sich auf und strich sein zartes Röckchen
glatt und auch seine buntschillernden Flügelchen.
Da stand es nun. Und wunderte sich.
Denn da war ein Vergissmeinnicht. Aber das schien doch sehr, sehr trocken zu sein, denn es lag ja da auf dem Boden, zu seinen Füßen. Da stimmte doch etwas nicht. Nun war Tröpfchen ein sehr junges Tröpfchen und hatte noch keinerlei Erfahrung mit Menschen. Es gehörte zu den Blumenelfen, die mit der Wasserversorgung, beziehungsweise der Gesunderhaltung der Blumen betraut waren. Es hatte ein Zauberkleidchen an, welches aus weichem Wasser gesponnen war.
Das heißt, das Röckchen
bestand aus blattartigen , gedoppelten Lagen eines Stoffes, der wie
eine Membran wirkte, welche die Feuchtigkeit aus der Luft sog und sie
zwischen diesen Lagen als Wasser festhielt. Ja auch an den Elfen war
die neue Technologie nicht spurlos vorüber gegangen. Der eigentliche
Zauber bestand aber nun darinnen, das der Austausch immer wieder
blitzschnell erfolgte. Das kann der Mensch sich nun nicht einmal
vorstellen, wie das funktioniert. Und was der Mensch sich nicht
erklären kann, hält er einfachheits halber als Zauber.
Tröpfchen brauchte nun
also nicht mehr Schwerstarbeit leisten, und Eimer voller Wasser um
einander schleppen. Es brauchte bloß sein Röckchen aus zu wringen
und hatte genügend Wasser. Und das machte es nun.
Aber o weh, das
Vergissmeinnicht rührte sich gar nicht. Es begann nicht, die
Feuchtigkeit auf zu saugen und seine Blütenköpfchen zu heben.
Tröpfchen wrang nicht nur sein Kleidchen, es rang nun auch seine
Hände. Was geschah denn da? Was war das denn? Wie konnte denn sowas
geschehen? Das Vergissmeinnicht wurde blaß und blässer, löste sich
auf und verschwand und Tröpfchen stand in einer blaugrünen Pfütze.
Tröpfchen verstand das
nicht. Es begann verzweifelt zu weinen. Das war ja das Allerallerschlimmste für
einen Blumenelfen, eine Blume verkommen zu lassen. Und dieses
Vergissmeinnicht war einfach verschwunden. Was würde bloß Mutter
Natur dazu sagen?
Es weinte hemmungslos. So
sehr, dass ich auf es aufmerksam wurde und fragte , was denn so
Schreckliches geschehen sei. Da deutete es auf das Blatt und
berichtete, wie die Blume einfach verschwand. Und es sei doch
verantwortlich, dass alle Vergissmeinnicht heute noch ihr Wasser
bekämen und dieses sei eh schon so trocken gewesen.
„Und nun ist es ganz futsch“, es sagte wirklich „futsch“!
Ich blickte auf meine
Zeichnung. Ja, die war wirklich futsch, die Farben zerlaufen.
„Du, ich kann so nicht zurück fliegen. Was soll ich denn bloß tun? Ich kann so nicht zurück kommen. Was soll denn nun nur aus mir werden?“
Damit begann es wieder
bitterlich zu weinen und unter Schluchzen gestand es :
„Und die anderen
Vergißmeinnicht muss ich doch auch noch gießen und die habe ich
hier im Garten noch garnicht entdeckt.“
Ach, ha je, war das ein
Elend, wie dieses kleine Wesen weinte und todunglücklich war. Ich
nahm es behutsam auf und setzte es auf meine Schulter.
„Schscht, schscht, wer
wird denn so weinen?“
Damit griff ich nach einem
Rosenblütenblatt und gab es dem unglücklichen Tröpfchen.
„Komm, putz dir jetzt
mal dein Näschen und dann versprech ich dir, alles wird gut.“
„Aber wie soll denn
alles gut werden? Ich habe gepatzt und die anderen Vergißmeinnicht
werden auch kaputt gehen,“ fiepste es mit ersticktem Stimmchen.
„Tja ja, gell, das
möchtest du nun wissen. Ihr könnt ´ne Menge, die wir nicht können.
Aber wir können eine Menge, die ihr nicht könnt. Und jetzt pass mal
auf, was wir machen.“
„Kannst du zaubern?“
fragte es hoffnungsvoll.
„Nee. Menschen können
nicht zaubern, das überlassen wir gerne den Märchen -und Fabelwesen
und eben euch. Können täten wir es schon gerne, aber könnten wir
es, wären wir gottgleich. Nein, zaubern kann ich nicht, aber malen.
Und jetzt pass auf.“
Damit riß ich das nasse
Blatt vom Block und begann mit einem neuen Vergissmeinnicht.
Tröpfchen riß Mund und
Nase auf und begann freudig seine Flügel aneinander zu reiben, was
ganz so klang, als zirpe eine Grille. Tja ja, nicht allas ist Grille,
was wie Grille zirpt.
Als das Bild fertig war,
staunte es erst wie über eine Sinnestäuschung, trippelte darüber
hin, immer und immer wieder, dann kletterte es zurück auf meine
Schulter und streichelte mit beiden Ärmchen meine Wange. Das fühlte
sich an, wie ein loses Haar, das dort hängen würde, oder ein
Insekt, und beinahe war ich versucht, dieses vermutliche Tier weg zu
wischen und hätte am Ende Tröpfchen beschädigt.
So nahm ich es sacht von
der Schulter und trug es hinüber zu dem Beet, wo auch die
Vergißmeinnicht standen und ließ es dort auf die Erde hinunter.
Sofort begann es, sein Röcklein zu bearbeiten und bedankte sich
während dessen strahlend und glücklich.
„Ich werde mir etwas zum
Dank für dich überlegen, ich komme wieder.“
Damit verschwand es
zwischen den Blüten.
Ich setzte mich wieder auf
meinen Gartenstuhl und träumte noch ein wenig vor mich hin. Als ich
erwachte, lächelte ich versonnen über diesen wunderschönen
vermeintlichen Traum. Dann nahm ich meinen Stift wieder auf, um mein
Werk zu signieren. Dabei fiel er mir aus der Hand und ins Gras.
Direkt neben ein feuchtes
Blatt Papier mit einem gerade noch erkennbaren verwaschenen
Vergissmeinnicht....


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