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Sonntag, 30. Oktober 2016

Novembermärchen, Die Gladiole

Novembermärchen
oder
Wie Glaube Schwerter zu Blumen macht

Die Gladiole

(gladius = Schwert, gladiolus = das kleine Schwert)





 Es war lange vor der Zeit, da es Menschen gab , die man die Gladiatoren nannte. Jene mit den Schwertern. Aber immer gab es Kriege, Hass, und Zwietracht seit diesen Tagen, in denen mein Märchen begann.

Da gab es, niemand weiß mehr wo, einmal ein Land.

Ein Land, so wunderschön, so friedlich und mit allem gesegnet, was das Herz begehrte. Seine Bewohner schätzten sich glücklich, taten ihre Arbeiten gerne, achteten und respektierten einander und begegneten sich liebevoll. Man half sich gegenseitig, wenn Not am Mann war und trachtete danach, seinen Mitmenschen Gutes zu tun und sich gegenseitig zu erfreuen. Es wurde gesungen und gelacht und abends saß man fröhlich beisammen, bis der gute alte Mond herauf kam und augenzwinkernd ans Schlafengehen ermahnte. Ja, eben ein Märchen!

Das Land selber bot sich in solch einer Vielfalt. Im Norden hatte es fischreiche Meere, Inseln, lange Strände und im Süden gab es hohe Gebirge, die es gegen andere Länder abgrenzten. Es gab herrliche, fruchtbare Ebenen und romantische Flußlandschaften, sanfte Hügel und bizarre Bergketten, weite Felder und enge Schluchten, blaue Seen und wispernde Bachläufe durch lichte Wälder oder dunklen Tann. Es gab Bodenschätze und im Sommer wogte überall das Ährengold des Korns. Ein gesegnetes Land. Und wo nur irgend ein Plätzchen Erde noch offen war, und in Kübeln, Pötten und Schalen prangten das ganze Jahr hindurch die schönsten, vielfältigsten Blumen und Pflanzen , mit deren Anblick man sich gegenseitig zu erfreuen gedachte. Ein wunderbares Land.

Und so hätte das auch bleiben können, bis ans Ende aller Tage. 

Blieb es aber nicht. Und später konnte keiner mehr sagen, woher es kam und wie es begann. Kam es von hinter dem Gebirge, oder hatte es schon immer mitten unter ihnen in einem der Berge, oder tiefen Wäldern gehaust, keiner vermochte es zu sagen. Jedoch eines Tages erwachte es, streckte und reckte seine Glieder und machte sich auf den Weg zu den Menschen : ein Ungeheuer Namens Habsucht, Vorname Neid.

Dieses Wesen war krank und zwar höchst virulent. Wo es aufkreuzte, verfielen die Leute in seltsame Handlungen. Gab man bisher gerne, so nahm man sich plötzlich lieber.

Es fing ganz harmlos mit einem Blumenpott an, den eine Nachbarin der anderen wegnahm, dachte wohl, „ach sie hätte mir den sowieso gerne gegeben“. Mit der Zeit aber wurden allenthalben Dinge entwendet, Ärger machte sich breit. Und hätte man das richtige Instrument bei der Hand gehabt, so hätte man es dem Anderen schon mal gerne um die Ohren gefegt.

Zur gleichen Zeit hatte der Schmied einen größeren Erzgang im nahen Berg entdeckt, so dass er nicht mehr mit Material zu geizen brauchte. Seine kleinen Pfeilspitzen, Axtklingen und gewöhnlichen Feitl reizten ihn schon lange nicht mehr. Er wollte Größeres schaffen. Zuerst einmal eine große und dann noch eine größere Klinge und dann mal sehen, wofür man sie gebrauchen könnte.

 Dachte und machte. Er verarbeitete einen gehörigen Brocken Erz an einem Strang und hatte plötzlich eine überdimensionierte Klinge vor sich, scharf, eben und glad, nach heutiger Rechtschreibung: glatt.

Während dem war aber zwischen zwei Ortschaften die Sache mit Neid und Habsucht so eskaliert, dass es schon mal zu ernsten Zwischenfällen gekommen war. Schließlich klaute und bediente man sich vorzugsweise im anderen Dorf. Das gab Krieg. Richtig beinharten Krieg und der Schmied bekam Arbeit, viel Arbeit, nachdem man wusste, was er nun schmiedete. Ein paar Burschen warteten nur darauf.

Bald war man hüben ,wie drüben mit einem dieser Gladen ausgerüstet. In unserer Sprache = Schwert. Und noch ein paar Klauereien und man stand sich bewaffnet gegenüber..

Aber wie es so ist, jemand hat immer das Bummerl, den Schwarzen Peter.

In diesem Falle ein junges Mädchen, Iole, heute Jule, genannt. Sie war heimlich in einer tiefen, herzinnigen Liebe zu einem Burschen aus dem nun feindlichen Nachbardorf entbrannt. Was ja damals nicht selten und heute immer noch vorkommen soll.

Iole wusste sich nun keinen anderen Rat, raffte ihre Röcke und rannte, haste was kannste, über die Stoppelfelder in den nahen Wald. Dort, wusste sie, solle ein Eremit hausen, der sich mit allerhand Geheimnissen auskannte und der sogar schon einmal ein Wunder vollbracht haben sollte. So sagte man.

Als sie ihn gefunden hatte, bat sie ihn kniefällig und unter vielen Tränen um seine Hilfe. Wie das gehen sollte, wußte sie zwar nicht und auch er hatte zugegebenermaßen noch keine Ahnung, was er tun könnte. Aber er wollte zumindest mit ihr an den Ort des Geschehens eilen. Möglicherweise fiele ihm ja dort etwas ein.

Als sie eintrafen, war die Schlacht schon in vollem Gange. Ernsthaft verletzt war zum Glück noch niemand. Selbst für hartgesottene Männer war mit der Faust zu zu schlagen eine Sache, ernsthaft aber mit einem Schwert, eine ganz andere. Und so waren es noch eher zaghafte Schwünge. Doch zunehmend wurden sie fester, gezielter und es würde nicht mehr lange dauern, bis der Erste sein Leben aushauchte.

Iole krallte verzweifelt ihre Hände in das Gewand des Einsiedlers. Der stand ratlos. Blickte gebannt auf diese Gebilde aus Erz, wünschte mit aller Kraft, dem bevorstehenden Kampf auf Leben und Tod ein Ende setzen zu können.

Und dann sah er es.

Diese Dinger in den aufgereckten Händen der Männer. Sahen die nicht aus wie versilberte schmale, lange Blätter? Man mußte sie sich nur in Grün vorstellen und sie verloren ihre Gefährlichkeit, wären einfach nur Blätter einer x-beliebigen Pflanze. Fasziniert starrte er weiterhin mit diesem Gedanken auf die Schwerter. Glaubte, Blumen zu sehen.

Und da geschah es.

Der Hieb war dazu geeignet, dem Getroffenen den Schädel zu zertrümmern. Stattdessen schüttelte der den Kopf und ließ sich ungläubig eine wunderschöne Blume um die Ohren hauen. Den anderen erging es gerade so. Wo gerade noch eben scharfe Waffen die Luft zerteilten, da hielten sie alle eine merkwürdig geformte Blume in den Händen.

Fragte man sie später, wieviel seid ihr denn gewesen? So wußte das niemand mehr so genau. Auf jeder Seite so zwischen sieben bis fünfzehn Burschen. Und genau so viele Blüten geben der Blume ihre schwertförmige Silhouette.

Es waren die Frauen, die ins Nachbardorf pilgerten, um sich gegenseitig eine der wunderschönen Blumen zum Freundschaftsangebot zu übergeben.


Kriege gibt es seither überall in der Welt, jenes Ungeheuer schläft nicht. Aber seither gibt es auch die Gladiole am Ende des Sommers in jedem Garten. Eine Erinnerung daran, dass Liebe und Friede machbar sind.

(C) Heide Marie Kalitta










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