Novembermärchen
oder
Wie Glaube Schwerter zu Blumen macht
Die
Gladiole
(gladius = Schwert, gladiolus = das kleine Schwert)
Da gab es, niemand weiß mehr wo,
einmal ein Land.
Ein Land, so wunderschön, so friedlich
und mit allem gesegnet, was das Herz begehrte. Seine Bewohner
schätzten sich glücklich, taten ihre Arbeiten gerne, achteten und
respektierten einander und begegneten sich liebevoll. Man half sich
gegenseitig, wenn Not am Mann war und trachtete danach, seinen
Mitmenschen Gutes zu tun und sich gegenseitig zu erfreuen. Es wurde
gesungen und gelacht und abends saß man fröhlich beisammen, bis der
gute alte Mond herauf kam und augenzwinkernd ans Schlafengehen
ermahnte. Ja, eben ein Märchen!
Das Land selber bot sich in solch einer
Vielfalt. Im Norden hatte es fischreiche Meere, Inseln, lange Strände
und im Süden gab es hohe Gebirge, die es gegen andere Länder
abgrenzten. Es gab herrliche, fruchtbare Ebenen und romantische
Flußlandschaften, sanfte Hügel und bizarre Bergketten, weite Felder
und enge Schluchten, blaue Seen und wispernde Bachläufe durch lichte
Wälder oder dunklen Tann. Es gab Bodenschätze und im Sommer wogte
überall das Ährengold des Korns. Ein gesegnetes Land. Und wo nur
irgend ein Plätzchen Erde noch offen war, und in Kübeln, Pötten
und Schalen prangten das ganze Jahr hindurch die schönsten,
vielfältigsten Blumen und Pflanzen , mit deren Anblick man sich
gegenseitig zu erfreuen gedachte. Ein wunderbares Land.
Und so hätte das auch bleiben können,
bis ans Ende aller Tage.
Blieb es aber nicht. Und später konnte
keiner mehr sagen, woher es kam und wie es begann. Kam es von hinter
dem Gebirge, oder hatte es schon immer mitten unter ihnen in einem
der Berge, oder tiefen Wäldern gehaust, keiner vermochte es zu
sagen. Jedoch eines Tages erwachte es, streckte und reckte seine
Glieder und machte sich auf den Weg zu den Menschen : ein Ungeheuer
Namens Habsucht, Vorname Neid.
Dieses Wesen war krank und zwar höchst
virulent. Wo es aufkreuzte, verfielen die Leute in seltsame
Handlungen. Gab man bisher gerne, so nahm man sich plötzlich lieber.
Es fing ganz harmlos mit einem
Blumenpott an, den eine Nachbarin der anderen wegnahm, dachte wohl,
„ach sie hätte mir den sowieso gerne gegeben“. Mit der Zeit aber
wurden allenthalben Dinge entwendet, Ärger machte sich breit. Und
hätte man das richtige Instrument bei der Hand gehabt, so hätte man
es dem Anderen schon mal gerne um die Ohren gefegt.
Zur gleichen Zeit hatte der Schmied
einen größeren Erzgang im nahen Berg entdeckt, so dass er nicht
mehr mit Material zu geizen brauchte. Seine kleinen Pfeilspitzen,
Axtklingen und gewöhnlichen Feitl reizten ihn schon lange nicht
mehr. Er wollte Größeres schaffen. Zuerst einmal eine große und
dann noch eine größere Klinge und dann mal sehen, wofür man sie
gebrauchen könnte.
Dachte und machte. Er verarbeitete einen
gehörigen Brocken Erz an einem Strang und hatte plötzlich eine
überdimensionierte Klinge vor sich, scharf, eben und glad, nach
heutiger Rechtschreibung: glatt.
Während dem war aber zwischen zwei
Ortschaften die Sache mit Neid und Habsucht so eskaliert, dass es
schon mal zu ernsten Zwischenfällen gekommen war. Schließlich
klaute und bediente man sich vorzugsweise im anderen Dorf. Das gab
Krieg. Richtig beinharten Krieg und der Schmied bekam Arbeit, viel
Arbeit, nachdem man wusste, was er nun schmiedete. Ein paar Burschen warteten nur darauf.
Bald war man hüben ,wie drüben mit einem dieser Gladen ausgerüstet. In unserer
Sprache = Schwert. Und noch ein paar Klauereien und man stand sich
bewaffnet gegenüber..
Aber wie es so ist, jemand hat immer
das Bummerl, den Schwarzen Peter.
In diesem Falle ein junges Mädchen,
Iole, heute Jule, genannt. Sie war heimlich in einer tiefen,
herzinnigen Liebe zu einem Burschen aus dem nun feindlichen
Nachbardorf entbrannt. Was ja damals nicht selten und heute immer
noch vorkommen soll.
Iole wusste sich nun keinen anderen
Rat, raffte ihre Röcke und rannte, haste was kannste, über die
Stoppelfelder in den nahen Wald. Dort, wusste sie, solle ein Eremit
hausen, der sich mit allerhand Geheimnissen auskannte und der sogar
schon einmal ein Wunder vollbracht haben sollte. So sagte man.
Als sie ihn gefunden hatte, bat sie ihn
kniefällig und unter vielen Tränen um seine Hilfe. Wie das gehen
sollte, wußte sie zwar nicht und auch er hatte zugegebenermaßen
noch keine Ahnung, was er tun könnte. Aber er wollte zumindest mit
ihr an den Ort des Geschehens eilen. Möglicherweise fiele ihm ja
dort etwas ein.
Als sie eintrafen, war die Schlacht
schon in vollem Gange. Ernsthaft verletzt war zum Glück noch
niemand. Selbst für hartgesottene Männer war mit der Faust zu zu
schlagen eine Sache, ernsthaft aber mit einem Schwert, eine ganz
andere. Und so waren es noch eher zaghafte Schwünge. Doch zunehmend
wurden sie fester, gezielter und es würde nicht mehr lange dauern,
bis der Erste sein Leben aushauchte.
Iole krallte verzweifelt ihre Hände in
das Gewand des Einsiedlers. Der stand ratlos. Blickte gebannt auf
diese Gebilde aus Erz, wünschte mit aller Kraft, dem bevorstehenden
Kampf auf Leben und Tod ein Ende setzen zu können.
Und dann sah er es.
Diese Dinger in den aufgereckten
Händen der Männer. Sahen die nicht aus wie versilberte schmale,
lange Blätter? Man mußte sie sich nur in Grün vorstellen und sie
verloren ihre Gefährlichkeit, wären einfach nur Blätter einer
x-beliebigen Pflanze. Fasziniert starrte er weiterhin mit diesem
Gedanken auf die Schwerter. Glaubte, Blumen zu sehen.
Und da geschah es.
Der Hieb war dazu geeignet, dem
Getroffenen den Schädel zu zertrümmern. Stattdessen schüttelte der
den Kopf und ließ sich ungläubig eine wunderschöne Blume um die
Ohren hauen. Den anderen erging es gerade so. Wo gerade noch eben
scharfe Waffen die Luft zerteilten, da hielten sie alle eine
merkwürdig geformte Blume in den Händen.
Fragte man sie später, wieviel seid
ihr denn gewesen? So wußte das niemand mehr so genau. Auf jeder Seite so zwischen
sieben bis fünfzehn Burschen. Und genau so viele Blüten geben der Blume ihre
schwertförmige Silhouette.
Es waren die Frauen, die ins
Nachbardorf pilgerten, um sich gegenseitig eine der wunderschönen
Blumen zum Freundschaftsangebot zu übergeben.


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