Septembermärchen
Arme
Wegewarte
Es
waren erst ein paar Tage in seine Ewigkeit geflossen, seit der liebe
Gott seine Erde für uns so wunderbar gestaltet hatte, und da ja vor
ihm tausend Jahre als ein Tag sind, krabbelten auch schon Menschlein
überall auf ihr herum. Es ist für die Verfechter der
Evolutionstheorie ja ausgeschlossen, dass das mit den sieben Tagen
geklappt haben soll. Und selbst treue Christen, die ja auch mal die
Schulbank gedrückt und dort Naturkundeunterricht hatten, glauben
eher an den Schöpfer als an den Zeit- und Wahrheitsgehalt seiner
Schöpfung.
Ich
selber denke, wenn das mit den Tausend Jahren vor ihm als ein Tag so
geschrieben steht, so kann der Schreiber das als ein Gleichnis
gemeint haben, und tausend Jahre schienen ihm lang genug. Es können
aber eben so gut auch mehrerere tausend Jahre gewesen sein. Na.bitte!
Dann stimmt ja alles wieder!
Vor
langer, langer Zeit kam der Liebe Gott dann selber einmal aus seinem
Himmel herab gestiegen. Den hatten die Menschen ihm zugebilligt.
Schon damals dachte man, dass solch ein uns unbegreifliches Wesen,
solch eine Größe, eben auch viel Raum für sich brauche. Und bis
heute hat auch niemand ihn je gesehen und erfahren, wo genau er sich
dort aufhält.
Er
wollte einfach mal sehen, wie das hier unten so ablief. Aus seinen
erhabenen Höhen schien ihn unser Gerenne und Gestrampel manchmal
eher zu amusieren, zumal er ja schon immer wusste, wie was im
Endeffekt ausgehen würde.
Und
natürlich kam er inkognito. Das macht er bis heute . Wenn wir von
Zufall sprechen, oder gar kleinen Wundern, da war er mal wieder
inkognito unterwegs.
Nun,
er zog also gemächlich hier seiner Wege, durch Felder, Auen, Wiesen
und Täler und er freute sich an seiner lieben Natur. Manches kam ihm
zwar verändert vor. Manches Pflänzchen meinte er zwar noch in
seiner Urform zu erkennen, aber manchmal kratzte er sich doch
nachdenklich hinterm Ohr.
Jedoch,
er war zufrieden. Er wußte , er hatte seiner Natur damals soviel
Potential an Flexibilität, Phantasie und Selbsterhaltungstrieb
mitgegeben, dass sie noch existieren würde , wenn des Menschen
Wille den Menschen selbst schon lang vernichtet hätte. Seit dem
Sündenfall traute er dem schon einiges in dieser Richtung zu.,
Schließlich hatten die allerersten Beiden sich bereits aus dem so
wohlgemeinten Paradise katapultiert.
Und
gedankenvoll ging er auch durch die Städte,
Was er allerdings hier zu sehen
und zu hören bekam, bereitete ihm doch große Sorgen.
Warum mussten die Menschen so
viel arbeiten, sie besaßen doch schon alles. Warum waren die Mütter
nicht bei ihren Kindern. So hatte er das einmal ersonnen, Vater,
Mutter, Kinder. Warum sprachen die Leute nicht mehr direkt und durch
solche Kästchen mit einander? Und wenn sie das taten, was dabei
heraus kam.!Du lieber!!! Ich Er dachte an die Zeit der Babylonischen Sprachverwirrung
und lächelte insgeheim etwas. Lang, lang war´s her. Er hatte ja
jedem Volk seine eigene Sprache gegeben und die verstand er auch.
Aber was er nun hier erlebte!
Was
man landläufig so sagte, das tat er nun wortwörtlich, er schaute
den Leuten auf´s Maul. Es waren jüngere. Die brachten zwar Worte
und Töne hervor, aber verstehen tat er nur Bahnhof. Nein nicht mal
das . Bahnhof hätte er ja noch verstanden. Aber wie die sich zum
Teil unterhielten, das greenzte manchmal schon fast an
Beleidigungung und Körperverletzung. . Mehr belustigt , als
überrascht, fuhr er sich durch den Bart. Von wegen Babylon, diesmal
schien er der Gelackmeierte zu sein und milde lächelnd zog er
weiter.
Unterwegs
geriet er dann doch noch ernsthaft ins Nachdenken. Was er so alles
gesehen hatte an Menschenwerk, das war nun wirklich verblüffend. Da
war das Rad, Dieses Ding, in ganz groß oder ganz klein, in dick oder
dünn, in den verschiedensten Materialien, steckte wirklich überall
drinnen und kam überall zum Einsatz. Es schien die Feder jeden
Antriebs, jeden Fortkommens zu sein. Offensichtlich aber diente es
erst mal zur Fortbewegung. Ob ein-, zwei-, oder vierfach bereift.
Er
grübelte, während er aus der Stadt heraus wanderte, warum er damals
nicht selber darauf gekommen war. Im Nachhinein schien ihm das
jetzt undenkbar. Beine hatte er damals dafür, zumindest bei Mensch
und Tier, vollkommen als geeignet empfunden. Und er beschloß, dass
wenn er jemals eine Neue Schöpfung bewerkstelligen müsse, er den
neuen Menschen gleich mit Rädern plane.
Inzwischen
ging es auf Mittag zu. Die Sonne stach vom Himmel.
Und
auch da werde ich etwas machen müssen. So wie in diesem Jahr geht
das nicht weiter . Den einen scheint sie zu wenig, die anderen
verschmachten unter ihren Strahlen. Miittag und Nachmittag vergingen,
und unser Weltenvater wanderte noch immer in Gedanken dahin. Vieles
, sehr vieles gab es zu Bedenken. Vieles , sehr vieles verdross ihn
auch und schließlich wurde er müde.
Auch
drückten ihn nun hier auf irdischem Gelände seine alten Tage, ähm,
Jahrtausende. Ja klar, hier auf Erden schwebte man nunmal nicht auf
Wolken!Er fühlte sich matt und erschöpft, beneidete beinahe die
Menschen um die Räder und seine Engel um ihre Flügel.
Engel,
ein Engel! Schau, schau! Ja, da schau her!
Da
vorne, gleich am Anfang eines kleinen Dorfes ein kleines Haus. Davor
ein Engel. Natürlich war es kein Engel.
Das
sah der Herr selber sofort. Schließlich und endlich war er für
seine Weitsichtigkeit, nicht nur in zukünftigen Sachen, sondern ganz
profan in die Weite bekannt. Schließlich erkannte er ja vom Himmel
herab das kleinste Tierchen.
Aber
dieses Mädchen war so wunderschön an Wuchs und Aussehen, dass es
ihm wie einer seiner himmlischen Wesen dünkte und eifrig und freudig
lief er auf es zu.
Das
Mädchen stand müßig am Gartenzaun. Und der Herr fragte sich schon
, ob sie ihn erwartete, konnte sich aber nicht daran erinnern, ob
er insgeheim wieder etwas angezettelt hatte. Nichts desto trotz
hoffte er auf ein einfaches Nachtlager, oder zumindest doch ein
einfaches Mahl. Er war ja selbstverständlich nur mit einem
Wanderstab aufgebrochen. Was brauchte er mehr?
Staubig
, müde, etwas ärmlich in seiner irdischen Tracht anmutend, stand
er nun vor dem Mädchen. Das beachtete ihn erst gar nicht, meinte
wohl, einen Bettler vor sich zu haben.
Aber
dann hob es die Augen auf und er dachte „oh, mein Ich! Ob die
weiß, dass sie sie von mir bekam?“ Diese Augenwaren von einer
Schönheit und einer Farbe, wie nur er sie erschaffen haben konnte.
Ein Blau und doch nicht blau, ein Violett und doch nicht violett,
vielleicht helllilablassblau. Und immernoch hoffte er auf wenigstens
ein freundliches Wort. Mit brüchiger Stimme bat er endlich um einen
Schluck Wasser und fuhr zusammen, als es mit dem Arm hinter sich
deutete und barsch „da hinten , die Tränke“ hervorstieß.
Da
wurde unser Herrgott so richtig traurig.
Es
ist nicht immer gut, was schön ist und nicht immer ist das auch
drinnen, was drauf steht. Sonst müsste sie ein Herz aus Gold
gehabt haben. Bei ihm gab es nur eine Wahrheit bei uns so viele
,wie es Menschen gibt.Tja, wir Menschen wissen das, ER ht, wie
sollte er auch, da oben im Himmel, wo nichts Böses herein kommt.
Nun,
sein Durst war gestillt, .aber jetzt lernte er ein ganz neues Gefühl
kennen. Er bekam ein ganz profanes menschliches Bedürfnis: Hunger.
Und ganz bescheiden bat er um ein Stückchen Brot.
Aber
was nun geschah, war fast unglaublich. Das Mädchen baute sich vor
dem Herrn auf und begann zu lachen.
„
Ja , was glaubst du denn? Ich
warte und warte schon Stunden auf meinen Verlobten. Und nun ist es
gleich Zeit, dass er kommt. Er muß gleich da sein. Du glaubst doch
nicht, dass ich gerade jetzt mir die Hände für einen Bettler
schmutzig mache. Nein, nein, schau. dass du weiterkommst. Und geh,
bevor mein Verlobter dich sieht, damit er nichts Falsches denkt.“
Falsches
denkt, Falsches denkt, schoß es dem Lieben Gott da durch den Kopf.
Der denkt bereits jetzt schon das Falsche. Der glaubt ja an sein
Mädchen und sicherlich , dass sie so lieb ist wie sie aussieht.
Sieht in ihr sicher einmal eine gute liebe, treusorgende Frau. Und
ist jetzt schon angeschmiert mit ihr. Nein, das da rf nicht sein. Der
soll seine Chance haben, noch eine wirklich liebevlle. Frau zu
bekommen. Ja, den muss ich doch vor diesem Mädchen retten!Ich muss
es tun.
Aber
er wollte auch dem Mädchen noch eine Chance geben und bat noch
einmal, sie möge ihm dach eine Scheibe Brot geben.
Und
wieder lachte ihn dieses hochmütige Ding aus. Sie wolle doch lieber
weiter am Weg warten.
Da
drehte er sich um und ging still davon. Hinter ihm das Mädchen war
verschwunden. Da, wo es gestanden hatte, wuchs nun eine knörrige,
störrige, abweisende Blume empor.
Das
einzig Schöne an ihr war ihre Farbe, diese wunderartige
zartlilablaßblaue Farbe der Augen des Mädchens.


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