Was uns das Schneeglöckchen sagen will
Es
war vor langer Zeit.
Die große Gärtnerin Natur ging durch ihren
Garten . Sie hatte vom Meister allerhand Sämereien bekommen, sie zu
ihrer Zeit ausgesät und nun besah sie sich das Ergebnis.
Das war
vielleicht ein Spektakel. Da wuchs alles wild durcheinander. Sie war
vielleicht nicht sorgfältig bei der Aussaat gewesen und vielleicht
hatte auch der Wind seine Finger im Spiel gehabt. Nun, so konnte es
nicht bleiben.
Die Rose hatte sich mit dem Lavendel befreundet,
wollte ihn unbedingt bei sich haben. Die Wasserminze stocherte
unlustig im Erdreich herum und war mit dem ihr zugewiesenen Stückchen Land nicht zufrieden. Sie brauchte Platz. Sie würde ihn sich
schaffen, koste es, was es wolle. Die Heide, verspielt und etwas
störrisch, wollte sandeln, und wenn schon nicht Sandburgen, so doch
hübsche Landschaften bauen. Die Alpenrose war da im Flachland
tief unglücklich und suchte Trost bei Edelweiß und Arnika. Zusammen
beschloss man, eine Eingabe zwecks Umsiedelung zu machen. Die
Hortensie, in wunderschönem hellen Blau, beklagte sich ebenfalls.
Ihre Erde sei zu feucht. Sie reagierte darauf ganz schön sauer und
wurde vor Ärger ganz rot. Der Hahnenfuß dagegen, ließ sein
Köpfchen hängen und sehnte sich nach einem Bachrand oder einer
feuchten Wiese.
Das ging ja alles gar nicht.
Schließlich war es der erste Garten, den
Mutter Natur anlegte. Auch sie würde lernen und immer wieder neue
Erfahrungen machen müssen. Aber sie war damals ja noch so jung. Sie
hatte ihr Reich zugeteilt bekommen ...und nun mach mal was draus.
Tja, so war das damals, auch sie musste einmal klein anfangen. Heut
steht sie weit über allem, hat eine wunderbare Ordnung geschaffen.
Sie weiß, dass sie gut ist und steht hoch über uns Menschen, die
wir immer glauben, wir hätten hier das Sagen. Sie lässt es zu, dass
wir immer weiter versuchen, mit ihren Abkömmlingen zu
experimentieren. Dennoch bleibt eine Rose immer eine Rose und wird in
hundert Jahren, wenn wir es denn erlebten, immer noch eine Rose sein.
Dazu lächelt diese große Mutter milde. Sie weiß, der Mensch lebt
eine kurze Zeit. Dann vergeht er, wie die Blumen auf dem Feld. Sie
aber, sie bleibt.
So
ging sie also damals in Gedanken und großen Landmesserschritten über
ihr Terrain. Sie überlegte, wo und wie sie das alles bewerkstelligen
sollte. Es gab soviel zu tun und so Vieles schrie nach sofortiger
Änderung.Wo und womit sollte sie anfangen? Sie würde sich
irgendwie erst einmal Hilfe beschaffen müssen, bis alles seine
Richtigkeit hätte.
Da fielen ihr die Erdgeister ein, dieses kleine
Völkchen, welches tief im Verborgenen arbeitete und damals allen
Dingen auf unserer Erde zu Ansehen und Wachstum verhalf.
So
ging sie also zu dem König der Feen und Elfen, besprach sich mit ihm
und alsbald hatte sie für jedes Blumenkind ein Patchen ausgehandelt,
ein Elflein, das fortan seinem Blümchen beistehen sollte.
„Ja,
da wäre noch etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte, wenn du schon da bist", meinte dann der Elfenkönig. " Wir
haben hier ein Elflein. Ein sehr liebes, aber es hat einen kleinen
Tick. Es glaubt immer noch an Glaube , Liebe und Hoffnung. „
„Und
was ist daran falsch???“
„
Nun jaaa, das kam mal von den
Menschen und wird doch kaum noch praktiziert. Und hier nun läuft das
dumme kleine Ding den ganzen Tag mit einem Glöckchen umeinander,
ruft, wie früher in den Dörfern der Büttel, mit der Glocke, ständig zu Liebe ,
Glaube und Hoffnung auf. Das ist ja im Prinzip nicht schlecht, aber e s n e r v t u n s f ü r c h t e r l i c h !!! Zumal wir ja von
unserem Wesen her auf diese drei Dinge bedacht sind.“
„Was
erwartest du nun von mir?“
„Nun,
könntest du es nicht mitnehmen auf die Erde? Dort könnte es wie
jener Rufer in der Wüste agieren und dort wäre es auch von Nöten.“
„Nun ja, eigentlich habe ich
mein Trüppchen zusammen. Aber das arme Dingelchen tut mir Leid und
du hast Recht, da auf der Erde heroben könnte es rufen und bimmeln ,
wie es will. Da ist es so laut, da hört es eh niemand und keiner
wird sich daran stören. Ich werde es mitnehmen.“
Der
Elfenkönig klatschte in die Hände und wünschte, man solle
Glöckchen doch gleich zu ihm bringen.
Was
da dann angetrippelt kam, ließ die gute Mutter Natur tief
aufseufzen. Ein kleines junges Elflein, so klein und schmächtig,
dass es sie erbarmte. Es hatte ein seltsames weißes Kleidchen
an.Weiß, wie die Farbe der Unschuld. Den Saum schmückte ein
schmaler Streifen in Grün. Die Hoffnung? Und über dem Röckchen
trug es drei Überwürfe in Form hübsch gerundeter Zipfel. Liebe.
Glaube. Hoffnung?
Der
Abschied ging schnell und freundlich. Dann zog Mutter Natur mit ihrem
Regiment ab und nahm Glöckchen schützend unter ihren Umhang. Sie
wollte ganz besonders auf es aufpassen und es ein wenig
herausfüttern.
Der
Sommer kam, der Herbst, der Winter. Mutter Erde hatte alles versucht,
aber Glöckchen wurde immer matter. Einmal, während eines Gespräches
meinte es betrübt:
„Weißt
du, es ist fast so unmöglich, diese drei Dinge unter die Menschen zu
bringen, als dass eine Blume im Schnee wächst.“
Und
als der erste Schnee kam, starb es.
Sie
begruben es sehr still und alsbald hatte der Schnee mit seiner
unschuldigen weißen Decke das kleine Grab bezogen
Der
Januar ging fast zu Ende. Manchmal beschien eine warme Sonne den
kleinen Hügel, aber was war das?
Da
war über Nacht der Schnee aufgebrochen und ein Blümchen stand da.
Zart und schmächtig. Aber unverdrossen streckte es seine Blättchen
zum Himmel, als wolle es Mut und Kraft gegen die Kälte der Welt
erflehen.
Und
wider jegliche Vernunft blüht es jeden Winter, läutet immer weiter
und gemahnt sanft an Liebe , Glaube und Hoffnung, diese drei...
Unser
Schneeglöckchen


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