Juli - Märchen
oder
Der Holunder
Es war einer von diesen heißen Tagen .
Die Luft hing voller Blütenduft und mir hatte es der Holderbusch
wieder einmal angetan.
In seinem Schatten saß ich und
versuchte seine Dolden zu zeichnen. Allerdings gab ich es bald auf,
jedes Blütchen einzeln in der Fläche zu zeichnen. Das würde ich,
vielleicht später, mit viel Muße einmal nachholen. Fürs erste
reichte es , sie andeutungsweise einzufügen.
Ich weiß nicht, woran es lag, aber
immer wieder schien mich etwas zu blenden und immer wieder musste ich
geblendet unterbrechen.. Etwas unwirsch schaute ich auf, um zu sehen
, was Ursache dessen war. Dann sah ich es. Eine Libelle schien auf
Sonnenstrahlen zu reiten, wie ein Hexlein auf einem Besen . Und
natürlich war es keine Libelle, wie wir Menschen gern vermuteten, es
war Tröpfchen.
Dieses kleine Elfenmädchen war
inzwischen so zutraulich geworden, dass es sich sogar in einigem
Schabernack mit mir versuchte. So war es auf die Idee gekommen,
einzelne Sonnenstrählchen einzu fangen und sie in meine Augen zu
lenken.
„Tröpfchen, Tröpfchen, du bist
entdeckt, Frechdachs, der du bist“, rief ich ,und , schwupp, eine
leichte Berührung und Tröpfchen war mit dem nächsten Strahl auf
meiner Schulter gelandet.
Da lag es nun bäuchlings und
betrachtete mein Werk.
„Ach könntest du mich nicht da
hinein malen“, bat es,“ dann kann ich den Duft immer um mich
haben“.
„Och Tröpfchen, wenn s weiter nichts
ist, dann wollen wir das machen.“
„Ah ja, und ich erzähl dir solange
etwas“, meinte es.
“Gut, ich höre“, dabei nahm ich
meinen Stift wieder auf. Und Tröpfchen begann:
„Also, da war mal eine bitter arme
Frau. Die hatte ein Töchterlein. Das war ihr Ein und Alles. Und noch
etwas besaß sie. Vor dem Haus wuchs dicht an der Mauer ein
Holderbusch. Er war nicht sehr schön und man konnte nicht so recht
sagen, stützte der Busch das alte Haus oder das Haus den Busch. Der
alten Frau war das gleich. Sie liebte ihren Holunder und wenn er
blühte, setzte sie sich mit dem Kind zu ihm, und genoß seinen Duft
und befand, er sei der wunderschönste Holunderbusch überhaupt. Ja
klar, mit den Augen der Liebe....
Dann wurde eines gar nicht schönen
Tages das Kindlein krank.
Das war nun zweimal schlecht, denn zum
einen verweigerte es, zu essen und zum Anderen hatte die Frau auch
gar nichts mehr. Rein gar nichts, nicht mal eine Krume Brot. Was
sollte sie nur tun? Das Töchterchen musste essen, zu Kräften
kommen. Ein fürchterlicher Husten schüttelte und entkräftete es
immer wieder und auch das Fieber wollte nicht weichen.
In ihrer Not eilte sie hinaus zu dem
Holunderbusch und muss da wohl laut ihr Leid geklagt haben. Denn
plötzlich rüttelte sich der Baum und säuselte:
„Nimm von meinen Blüten und ein
wenig Mehl, das Ei, welches gerade deine Henne gelegt hat und Milch
von Nachbars Kuh, mache einen kleinen Pfannekuchenteig und tauche
eine meiner Dolden da hinein, nimm deine letzte Butter und backe sie
darinnen heraus und wenn du hast, gib dann etwas Zimt oder Zucker
darüber und gib das deinem Kind.
Flugs eilte die Frau hinein, suchte
ihre letzten Reste zusammen und tat, wie ihr der Baum geraten hatte.
Nicht umsonst sprach man ihm geheime Kräfte zu und sie wollte ihm
nur zu gerne glauben. Dann das letzte bisselchen Zucker darüber und
schon eilte sie damit zu dem Kind. Das erwachte von dem köstlichen
Duft, schlug die Augen auf und verlangte sofort davon zu essen. Wie
freute sich die Frau darüber und sie eilte durch das Dorf, um von
den guten Leuten sich noch ein wenig Zutaten für das nächste Mahl
zu erbitten. Als jene das Rezept hörten, bekamen sie selber Gelüste
und gaben der Frau gerne und bereitwillig von den Zutaten ab. So
erschienen dort erstmals „Holunderküchlein“ auf dem Speiseplan.
Jungen und Alten schmeckten sie vortrefflich.“
„Und das Mädelchen?“
„Nun, das aß jetzt zwar wieder
etwas, aber der Husten und das Fieber wollten nicht so recht weichen.
Und wieder klagte die Mutter dem Holunder ihr Leid. Der aber begann
im Wind zu säuseln: Siehst du die wunderhübschen Beeren , die aus
meinen Blüten geworden sind? Sie stecken voller guter Dinge. Koche
einen Saft aus ihnen und gib deinem Kind davon zu trinken.. Das tat
sie sogleich und siehe, das Fieber sank und der Husten verschwand
nach und nach. Schon bald befand sich das Kind wieder wohl und
munter. Überglücklich lief die Frau von Haus zu Haus, um auch diese
frohe Botschaft allen kund zu tun.und sogar heute noch kannst du in
alten Arzneibüchern über die Wirksamkeit des Holunder´s nachlesen.
Da nennt man die Beeren auch Fliederbeeren. Wieso kann ich dir nicht
sagen, ist halt so.“
„Aha, so war das also. Ich weiß,
meine Tante schwor auch noch auf die gute Wirkung und auch sie sagte
„Fliederbeeren“. Aber Tröpfchen , ich kenne noch ein anderes
Rezept, lecker im Sommer, hat meine Mutti immer gemacht, „Hollersekt“
.
Und ich beginne auf zu zählen , wie
das geht. Wie ich aber zum Ende komme und auch meinen Stift weglege,
schaue ich auf meine Schulter. Die ist leer, und Tröpfchen wohl über
Berg und Hügel längst davon .
Nun, überlege ich, war das nun ein
Märchen, was mir Tröpfchen da erzählt hat, oder nicht? Tatsache
ist, Holundersaft wirkt fiebersenkend,schweißtreibend und
hustenstillend. Und die Küchlein schmecken lecker. Tja und der
Hollersekt??? Ich werde hinein gehen und das Rezept am besten
aufschreiben.
HOLLERSEKT
8 – 10 l Wasser
¼ l Weinessig
2 Zitronen (Saft)
1 – 2 Pfund Zucker
10 – 12 schöne Holunderdolden
Alles zusammen zugedeckt stehen lassen,
3 – 4 Tage ( Gärung), in Schraubverschlussflaschen abfüllen und
ca, noch 10 – 14 Tage im Keller stehen lassen. Sehr kalt servieren.


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