BAZAARI
IMMER WIEDER DONNERSTAGS
Da sitze ich weltvergessen und
primle...male... so vor mich hin.
Doch, das Bild wird gut und ich
nütze die frühe Morgenstunde, wo der Tag draußen noch nicht
glüht. Ein Krokodil mit rotem Westchen, oder sollte ich es blau
malen? Nee, ich machs zartgelb.Zartgelb?
Plötzlich Alarmglocken. Zartgelb!
Überm Stuhl hängt mein zartgelber Haremskittel und die Pluderhosen
gleich daneben. Bazaari! Heute ist Bazaari. Jeden Donnerstag ist
Bazaari und wie jeden Donnerstag freue ich mich darauf. Himmel! Das
hätte ich nun fast vergessen. Doofes Krokodil.
Dann bin ich auf dem Weg nach unten.
Haremskittel, Pluderhosen, weißblond. Ich falle auf,wie immer.
Versuche meinen Schritten etwas Leichtfüßiges zu geben. Frau ist
ja eitel und in diesem Outfit.....Da kann man sich nicht einfach
irgendwie nach vorne bewegen. Was ja eigentlich schon schwierig genug
ist. Nö! Da gehört schon etwas Eleganz rein. Also Po rein, Schulter
zurück, aufrichten und Nase in den Wind. Wie eine kleine Königin,
aufrecht und stolz. Zur Bekräftigung fasse ich meinen Trolley
fester. Das macht mir Mut.
Ich bin heute nicht mit dem Scooter
unterwegs, Nein, ich muss mich mehr bewegen. Solange es noch geht. Da
ist d er Trolley doch sehr hilfreich. Wie wollte ich ohne ihn und
ohne Scooter meine Wocheneinkäufe hier hinauf schaffen? Ich werde
auf jeden Fall, den unteren Teil, den Krämermarkt auslassen, das
würde ohne Scooter zu viel.
Fange also weiter oben an. Ach du
lieber Schreck! Schön blöd, da ist mein Eiermann!. Eier zu
aller unterst??? Das braucht gute Verpackung und ein besonderes Maß,
das in den Trolley passt. Das ihm zu verklickern, ist schwer. Er
spricht weder Englisch , Französisch ,noch Deutsch, was hier jeder
zweite Grieche spricht. Weshalb ich wiederum immer noch kein
Griechisch spreche, ich brauche es einfach nicht. Wenn ich die
Schultern hebe und „den katalovèno“ hauche, springt mir sofort
jemand zu Hilfe, freut sich sogar noch:... ah....kala.. Germanida...
amorfoso...von wo... ich auch gewesen in....Und schon steckt man in
der schönsten Unterhaltung.
Heute wird heiß und ich will so
schnell wie möglich fertig werden. Gehe also hinter den Stand und
zeige ihm, wie es am besten geht. 30 Eier zwischen drei halbierten
Tabletts. Während ich das mache, ein altes Weiblein, auch Trolley,
zieht mich am Kittel, sagt was, strahlt mich an. Sie will ihre Eier
auch so verpackt haben , begreife ich. Ihr Landsmann noch nicht. Ich
erklär´ s ihm , zahle und gehe. Weiblein winkt mir glücklich
nach...kala Germanida...kalo...kalimera
Dann ist irgendwann mein Trolley voll.
Die Eier wanderten bei jedem Stand höher und derTrolley bis zum Rand
voll. Und ich mach mich auf den Heimweg.
Das ist ein schwieriges Unterfangen.
Von nun an geht’s bergauf. Ich lasse den Markt, mit seinen
Schreiern zurück. Die Menschen verlaufen sich allmälich und ich, inzwischen bar aller Eitelkeit, bewege mich irgendwie vorwärts. Nun glüht
der Tag. Die Hauswände strahlen Wärme ab, wie im guten alten
Deutschland ein Kachelofen zur Winterzeit. Und auch Fußbodenheizung
scheinen die Straßen hier zu haben. Nu stell doch mal jemand den
Thermostat kleiner!!
Eine Frau überholt mich. Klein , zäh,
fix. Ogott, hat die schiefe Beine! Aber, sie hat einen Riesenvorteil.
Sie ist schnell schon gut 20 m weiter als ich.
Und da ist auch schon
dieses scheußliche Straßenstück. Es steigt in zwei Absätzen in
sicherlich einem Winkel von 30°, ist quer geriffelt und hat ein
Geländer. Nun gut. Ich schaff das. Hoffe ich. Muss ich ja. Schweiß
rinnt mir bei den ersten Schritten in die Augen. Ich erkenne gerade
noch das Geländer. Bleibe stehen. Trolley auch, etwas sehr schräg.
Ich wische mir mit dem Arm übers Gesicht. Wimperntusche? Egal. Schön
sein war gestern. Und weiter geht’s. Ich hangle mich da mühsam am
Geländer hinauf. Hänge schwer an meiner Hand. Der vorderen. An der
hinteren hängt der Trolley. Fühle mich pi mal Daumen wie ein
3m-Gespann.
Dann kommt der Absatz. Ha, sagt Bauch,
dein Trolley wurde dir damals von einer guten Fee geschenkt, die an
alles gedacht hat und sogar an eine integrierte Sitzmöglichkeit.
Könntest du ja gleich mal ausprobieren. Was, spinnst du,
signalisiert Kopf, du wirst dich doch jetzt hier nicht so einfach
hinsetzen, den Klappsitz ausklappen und neben die Straße setzen. Du
nicht. Bist grade mal 72, kannste machen mit 82. Aber ein Weilchen
stehen bleiben, verschnaufen, Bauch an Kopf? Kopf: das geht. Schnauf,
schnauf, puuuuuust....
Dann weiter. 2. Abschnitt, oben mit
Spitzkehre nach links. Irgend ein Arm knackst, weiß selber, dass ich
knackig bin. Endlich auf gemäßigter Straße. Etwas Schatten. Tippel müde, geschafft, fix und foxi vor mich hin. Oh, wie schön, da blüht
schon eine Wegewarte, daneben ein Tussilago farfara, die eine meines
Erachtens zu früh, der andere noch immer. Also dieses
Zartblauviolett der Wegewarte , so hübsch! Ach, und da vor mir
geradeaus das Wäldchen! Schatten! Und was sehen meine geblendeten
Augen? Eine, zwei Bänke! Ich brauch nur eine.
Dieser winzig kleine Umweg , meine
Laufrichtung zu verlassen und den Schlenker zum Wäldchen zu machen,
geht fast über meine Kräfte. Aber dann sitze ich. Ein kleines
Häufchen Sommerhitze. Adretter Haremskittel? Verschwitzt. Aparte
Pluderhosen? Vergiss es. Eleganz? Hahaha! Ich werde froh sein, das
letzte Stück noch zu schaffen. Aber vorläufig angle ich mir mal
einen Pfirsich aus der Tasche und lass es mir wohl sein. Lasse die
Kühle des Wäldchens um mich streichen und genieße einfach nur, da
zu sitzen
Der Pfirsich ist köstlich, saftig und
süß. Ich freu mich, bin ein wenig stolz. Ich habs geschafft. Ohne
Scooter. Auf eigenen Beinen. Der Rest ist pipifax, schaff ich auch
noch. Hoffe ich nicht nur, weiß ich. Solange ich es nur will!
So, meine Lebensgeisterchen sind wieder
erwacht und ich erhebe mich. Etwas mühsam zwar...Hüft– und
Knieprothese motzen ..aber zügig. Komm, Trolley, wir gehen. Gehen.
Da ist es wieder. Schwer stütze ich mich auf meinen Trolleygriff,
versuche, stehen zu bleiben. Es wird gleich vorbei gehen! Nach dem
ersten Schritt ist meist alles wieder gut- Auf, erster Schritt!
Los, versuchs. Kopf hämmert: los jetzt. Beide Beine sagen : njet.
Sind taub, Füße gar nicht vorhanden. Mit äußerster Anstrengung
bekomme ich ein Bein hoch. Schritt. Dann das andere. Aufrecht
bleiben, weiter so, Schritt , Schritt. Heute Morgen, als ich ging,
wollte ich gehen, aufrecht, wie eine kleine Königin, jetzt bin ich
froh, es wie ein Roboter zu schaffen. So geht das nun schon längere
Zeit. Inoperabel. Versuchen Sie , die besten Therapien zu bekommen.
Solange, wie möglich ES heraus zu schieben. Spinalkanalstenosen....6
( sechs!) Stück..... machen dicht... kaum noch Rückenmark
durchlässig....und bewegen Sie sich vorsichtig.....Tja, so sagte der
das letzte Mal. Ich aber halt mich an das ... geht nun schon längere Zeit so ....kanns da nicht auch noch eine weitere längere Zeit so
gehen?
Und Schritt..Schritt. Es geht immer
besser. Und das soll es, wenigstens...until my dying day...
Mühsam, aber immer energischer hebe
ich die Beine. Biege um die Ecke. Da, 200m voraus, das schöne weiße
Haus. Die Höhe ist geschafft, die Straße fast eben. Das freut den
Trolley. Und Schatten! Das freut mich. Nun noch über den breiten
leeren Platz, nochmal sengende Hitze und dann Schlüssel ins Schloss,
Aufzug, seufz....
Oben packe ich meine Schätze aus und
denke: welch ein wunderwunderschöner Tag! Welch ein Leben! Freu mich
jetzt schon auf den nächsten Bazaari und weiß, der Scooter bleibt
auch diesmal heroben...


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