Morgengedanken
Zwei große Glastüren begrenzen diesen
Raum,der sich von Ost nach West über die ganze Breite des Hauses
hinzieht. Meinen Frühstücksplatz habe ich mir so gewähltt, dass
der Blick über den Balkon in freies Gelände geht und sich in den
Weiten des westlichen Himmes verliert, während er in meinem Rücken
über eine typisch südliche Häuserszene schweift, um weit am
Horizont nach der aufgehenden Sonne zu forschen..
Es ist mir schon zur lieben Gewohnheit
geworden, während dem Frühstück den Himmel zu betrachten, zu
warten und zu sehen, wie der Hochnebel, meist Staub aus der Sahara,
aufsteigt, zu Wolken und Wölkchen aufreißt und sich langsam rötlich
färbt. Wenn er dann seine schönste Farbe erreicht hat, ist es
soweit. Ich drehe mich um...und da ist sie. In all ihrer Pracht und
strahlenden Größe steigt die Morgensonne aus ihrem rotgoldenen
Gestade. Der rötliche Schein vergeht, der Himmel wird blau und
scheint voller Verheißungen für diesen neuen Tag. Der Raum ist
sonnengeflutet und mein Rücken warm beschienen.
Ist es verwunderlich, dass bei diesem
allmorgentlichen wunderschönen Spektakel die Gedanken zu wandern
beginnen? Sie gehen hier hin und dort hin und manches Mal möchte ich
sie festhalten, denn sie scheinen mir wert, sie nicht mehr zu
vergessen.
So werde ich nun hier immer wieder
einmal unter dem Titel „Morgengedanken“ einige festhalten.
Vielleicht kann der Eine, oder die Andere etwas damit anfangen, oder
sich selberdarinnen wiederfinden. Das wäre nett.
******
Heute hat mich Purzel, mein
kleiner Kater, schon sehr früh aus dem Bett geworfen und ich warte
heute vergebens auf ein glorioses Schauspiel. DerHimmel vor mir ist
zwar blau, aber teilweise bewölkt und hinter mir im Osten grau.
Trotzdem ist die Szenerie vor mir heiter und die Gedanken am Wandern.
Ich denke an all meine Lieben. An all meine Freunde und Bekannten,
die ich in der Heimat zurück ließ. Es waren alles so wundervolle
Menschen, und in meinem Elfenbeinturm herrschte eine Athmosphäre von
Liebe und Wärme. Sicher, jeder, jede, hatte auch seine Sorgen und
ihre Nöte, aber dennoch waren es Menschen, die durch ihre
Anwesenheit Licht verbreiteten und den Tag gleich heller machten,
die quasi funkelten.
Und da fällt mir eine
kleine Geschichte ein.
Die Kinder waren noch klein.
Wir hatten Spiele mit ihnen gemacht und Fragen nach dem oder jenem
beantwortet, erzählt und erklärt.
Ich weiß es heute nicht
mehr, wie es kam, und wie es anfing, aber ich hatte zwei weiße
Kieselsteine, wie sie um das Haus herum aufgeschüttet waren, in der
Hand und schlug sie immer wieder zusammen, ließ die Beiden daran
schnuppern und ließ beim Zusammenschlagen Funken entstehen. Das war
ein schönes Spiel, das gefiel ihnen.
Dann wollte Yasmin neue
Steine holen und verließ das Haus. Draußen traf sie den Nachbarn.
Der fragte, was sie sie so treibe und sie erklärte ihm:
„Mama funkelt.“
„Ä-hm??“
„ Ja, Mama bringt Steine
zum Funkeln. Und ich hole ihr nun neue.“ Sprachs und tat´s.
Als ich den Nachbarn das
nächste Mal traf, feixte er:
„So so, die Frau, die
Steine zum Funkeln bringt!!!! Sogar Steine. Tja ja, das passt!“
Und lachend drehte er sich
um und ging weiter. Im Weitergehen hörte ich ihn murmeln:
„Mehr müsste es davon
geben...!“
Zuerst dachte ich an die
Steine. Doch dann begriff ich, was und wen er meinte und eine
wunderbare Freude überkam mich. Er empfand die Worte meiner Tochter
über ihre Mutter als ein Gleichnis. Das war keine schlechte Option,
dieses „sogar Steine“ Ja, so wollte ich sein, es musste sich ja
nicht immer um Steine handeln, die ich zum Funkeln oder Strahlen
bringen könnte. Und hatte nicht schon Kierkegaard gesagt, unsere
Welt bräuchte mehr Öfen, Kühlschränke gäbe es genug. Ich denke,
er meinte in übertragenem Sinne das Gleiche und ich wollte mir das
hinter die Ohren schreiben.
******
So erhoffe ich euch und mir,
uns allen, immer Menschen an die Seite, die uns zum Strahlen bringen
und Licht und Wärme in unsere Tage tragen.
Wie sieht das aber nun mit
uns selber aus? Könnten unsere Herzen nicht wie diese weißen Kiesel
aneinanderklingen und dabei lichte Funken sprühen? Tragen wir nicht
alle irgendwo, tief im Innern verborgen, einen kleinen Heiligenschein
mit uns herum? Lasst ihn uns polieren!
In diesem Sinne wünsche ich
euch ein gesegnetes, lichtreiches neues Jahr.
Eure Heide Mari


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